Alles unter einem Dach

Einrichtung eines Medizinischen Versorgungszenturms Thema im Haager Gemeinderat

image_pdfimage_print

Ein Zentrum für Gesundheit in Haag schaffen – so lautet das Ziel von Dr. Wolfgang Richter, Geschäftsführer des Medizinischen Versorgungszenturms (MVZ) Mühldorf. In der jüngsten Sitzung des Haager Gemeinderates stellte er deshalb neben der aktuellen hausärztlichen Situation auch einen Zukunftsausblick vor, wie sich der „hausärztliche Nachwuchs“ entwickle. Außerdem diskutierte das Gremium im Anschluss über einen mögliche Standort des Gesundheitszentrums.

Seit inzwischen drei Jahren gibt es das Hausärzte-MVZ in den ehemaligen Praxisräumen von Dr. Liebl. Pro Quartal werden dort etwa 1.600 Patienten betreut, aber „viele kommen nicht nur einmal im Quartal“, so Richter. Zusätzlich zu den drei Ärzten in Teilzeit und der Weiterbildungsassistentin in Vollzeit habe sich bereits eine weitere Kollegin angekündigt, die das MVZ unterstützen will. Aber „wir haben räumlich keine Chance“. Am liebsten wolle das MVZ bereits in zwei Jahren in größere Räumlichkeiten umziehen. Deshalb schlug er dem Gremium vor, ein Gesundheitszentrum zu errichten. So seien „mehrere Praxen und Gesundheitsanbieter unter einem Dach.“

 

Die hausärztliche Versorgungssituation in der ländlichen Region sei alarmierend. Der Großteil der praktizierenden Hausärzte in der Umgebung seien laut Richter „ohne Nachfolge“. In der Planungsregion Wasserburg, zu der auch Haag gehört, sei es noch nicht so dramatisch wie beispielsweise in Mühldorf, wo über die Hälfte der Ärzte über 60 Jahre ist. In der Region Wasserburg werden rund 55.000 Patienten von 41 Ärzten behandelt – davon 16 über 60.

 

Bei solchen Engpässen soll ein MVZ Abhilfe schaffen. „Patienten wünschen sich durchgehende Öffnungszeigen von 8 bis 18 Uhr, keine Wartezeiten und individuelles Eingehen und ausreichend Zeit im Behandlungszimmer“, erklärte Richter. Aber die Situation des hausärztlichen Nachwuchses habe sich in den vergangenen Jahren geändert. So sei die unternehmerische Verantwortung einer eigenen Praxis heute weniger attraktiv, nicht zuletzt wegen des eigenen finanziellen Risikos. Außerdem wünschen sich angehende Hausärzte flexible Arbeitszeiten. Auch Teamarbeit immer mehr geschätzt und die Verantwortung für Abrechnung und Personalführung gerne abgegeben. „Man möchte sich hauptsächlich um Patienten kümmern.“ Um die Bedürfnisse von Patienten und ärztlichen Nachwuchs zusammenbringen gebe es laut Richter viele Ansätze. Einer davon sei der eines MVZs, in der mehrere Ärzte in Anstellung arbeiten. Hier können angehende Ärzte die Praxisführung lernen, ohne sich direkt selbstständig machen zu müssen.

 

Im Gesundheitszentrum sei das MVZ dann nur ein Mieter, auch komplett selbstständige Haus- und Fachärzte, Apotheken und andere Medizinanbieter können das Zentrum „mit vereinten Kräften in Haag etablieren.“ Richter sieht nämlich nicht die Konkurrenz, sondern „wir Medizinanbieter, wir Physiotherapeuten, Apotheken und Mediziner, können von Edeka und Aldi lernen: Sie sitzen an einem Standort trotz gleicher Produktpalette.“ Eine solche Infrastruktur mache den Standort Haag auch für Fachärzte attraktiver, stellte Richter klar. So sei bereits im Gespräch, bei entsprechenden Räumlichkeiten Kollegen aus Mühldorf für die Dialyse nach Haag zu bringen. Richter aber stellte klar: „Die zentrale Anlaufstelle für 90 Prozent der medizinischen Probleme sind die Hausärzte.“

 

Dr. Florian Haas (PWG) begrüßte die Idee, in Haag einen medizinischen Schwerpunkt aus Haus- und Fachärzten zu schaffen. Um gemeinsam ein Konzept dafür zu entwickeln schlug er vor, einen runden Tisch mit niedergelassenen Ärzten, Vertretern des MVZ und dem Gemeinderat zu bilden und das Thema zu diskutieren. Auch Florian Ferschmann (CSU) betonte, man müsse die Gemeinde attraktiv für Fachärzte gestalten und Bernd Schneider (CSU) ist es ein Anliegen, die optimale Gesundheitsversorgung in Haag zu gewährleisten. „Wir als Gemeinderat müssen schauen, dass wir diesem Gesundheitszentrum die Räume geben.“ Man müsse den Medizinanbietern damit die Möglichkeit geben, sich anzusiedeln.

 

Grundsätzlich zeigte sich der Gemeinderat positiv gegenüber der Errichtung eines Gesundheitszentrums. Er beschloss einstimmig, gemeinsam mit niedergelassenen Ärzten und Vertretern des MVZ einen runden Tisch zu bilden und das Thema zu diskutieren.

 

Der Standort stellte das Gremium allerdings vor größere Schwierigkeiten. Es lag bereits eine Bauvoranfrage für einen Neubau im Bereich nach der Bräuhauskurve Richtung Ortsausfahrt vor. Allerdings blieben hier mehrere Fragen offen. Auch deshalb, weil es sich um einen isolierten Plan für das Gebäude handle und nicht in Verbindung mit einem Gesamtkonzept des Brauereigeländes stehe.

 

Klaus Breitreiner (CSU) sieht in dem Standort die Möglichkeit, die „Lücke zu den weiter draußen liegenden Geschäften zu schließen“ und auch Josef Hederer (PWG) und Egon Barlag (FWG) sehen darin die Chance, den Ortskern zu beleben. Allerdings brauche es dafür ein Gesamtkonzept für den Gebäudekomplex. Hans Urban (CSU) fand „mit jedem Projekt, das Leben bringt, gewinnen wir“ und Stefan Högenauer (CSU) appellierte an das Gremium, die Chance zu ergreifen, diese Flächen zu nutzen. „Wir sollten nicht nur sagen: Entweder machen wir alles oder nichts.“ Bürgermeisterin Sissi Schätz betonte, es brauche eine Vorstellung, wo man mit dem Komplex letztendlich hinkommen wolle „insbesondere die Parkplatzsituation hängt stark mit der Nutzung des Gesamtkomplexes zusammen.“ Anhand eines Konzeptes könne dieses Schritt für Schritt verwirklicht werden. Hier sei es auch möglich, das bereits bestehende geplante Gesamtkonzept heranzuziehen.

 

„Wir sollten uns nicht in die bauliche Situation verrennen“, forderte Andreas Sax (CSU), denn es gehe vorrangig um die grundsätzliche Frage: „Wollen wir das MVZ?“ Auch Christine Huber (Grüne) betonte, man solle sich nicht „in Nebensächlichkeiten und Kleinkram verzetteln.“ Bürgermeisterin Schätz verwies darauf, dass auch ein zweiter Standort in der Nähe des Krankenhauses attraktiv sei, hier gebe es aber noch keinen Antrag. Sie bat darum „nicht heute überstützt etwas zu befürworten.“ Auch Eva Rehbein (SPD) „möchte es mit Bedacht handhaben.“

 

Um dem MVZ verschiedene Möglichkeiten zu bieten, wo sie selbst den attraktivsten Standort sehen, schlug Sax vor, auch diesen weiterzuverfolgen. „Je weniger wir zulassen, umso weniger kommt das gewünschte Ergebnis heraus.“ Auch Dr. Bernhard Grabmeyer (FWH) möchte vermeiden, „jetzt direkt etwas abzuschmettern.“ Dem stimmte die Mehrheit des Gemeinderats mit elf gegen sieben Stimmen zu. So beschloss das Gremium, die Bauvoranfrage an das Landratsamt weiterzuleiten und die Stellungnahme der städtebaulichen Beratung mit den ungeklärten Fragen beizulegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Leitfaden für die Veröffentlichung von Kommentaren